Zwischen den Regen
Sie hatte den Schirm von ihrer Mutter, und ihre Mutter hatte ihn von jemandem, dessen Namen niemand mehr nannte. Ein schwarzes, unmodernes Ding mit einem Griff aus Holz, der in der Hand wärmer wurde als er sollte.
Der Regen begleitete sie oft. Nicht als Unglück – eher wie ein Bekannter, der zuverlässig auftaucht, wenn sonst gerade wenig los ist. Sie hatte sich angewöhnt, ihn nicht zu kommentieren.
Man kann nicht warten, bis es aufhört. Man kann nur lernen, dazwischen zu gehen.
Es dauerte Jahre, bis sie bemerkte, was der Regen eigentlich tat. Er machte die Straßen leer. Er nahm den Geräuschen die Kanten. Er sorgte dafür, dass niemand stehen blieb, um zu fragen, wie es geht, und das war an manchen Tagen das Freundlichste, was ihr passieren konnte.
Unter dem Schirm war Platz für genau einen Menschen. Auch das war kein Mangel. Es war eine Entscheidung, die jeden Morgen neu getroffen wurde, und an einem Donnerstag traf sie sie anders.
Regen macht nicht nass.
Regen macht
aufmerksam.
Sie hielt an einer Kreuzung, an der jemand ohne Schirm wartete, und kippte den Griff um ein paar Grad zur Seite. Mehr passierte nicht. Zwei Menschen, ein zu kleiner Schirm, eine grüne Ampel.
Als sie weiterging, war ihre rechte Schulter durchnässt. Sie hat es erst zu Hause gemerkt, beim Ausziehen, und sich dabei ertappt, wie sie lächelte.
Seitdem geht sie bei Regen langsamer.