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12. Mai 2026

Die Hand, die nicht loslässt

Lass mich nicht allein · Bleistift · 2024

Sie stand jeden Abend am selben Fleck. Zwischen der Bushaltestelle und der Mauer, dort, wo das Licht der Laterne aufhört und der Rest der Straße beginnt. Die Arme hob sie erst, wenn niemand mehr hinsah.

„Ich warte nicht auf Rettung“, hätte sie gesagt, wenn man sie gefragt hätte. Es fragte sie nur niemand. „Ich warte darauf, dass jemand lange genug bleibt. Danach kann ich wieder allein sein.“

Das ist ein Unterschied, den man erklären muss, und zwar jedes Mal neu. Alleinsein ist ein Zimmer, in das man geht. Verlassenwerden ist ein Zimmer, aus dem alle anderen gehen. Die Möbel sind dieselben.

Sie wollte nicht gehalten werden. Sie wollte nur wissen, dass es möglich gewesen wäre.

An einem Dienstag im November war da eine Hand. Sie kam von oben, von rechts, aus einer Richtung, in die sie nie geschaut hatte. Keine große Geste, kein Ruck. Nur Finger, die sich öffneten und offen blieben.

Sie hat nicht zugegriffen. Das muss man wissen, sonst wird die Geschichte kitschig, und kitschig war an diesem Abend gar nichts. Sie hat die Hand angesehen, so lange, bis sie sich die Form gemerkt hatte. Dann hat sie die Arme gesenkt und ist nach Hause gegangen.

Nicht jede Hand muss genommen werden.
Manche reicht es zu sehen.

Am nächsten Abend stand sie wieder da. Und am übernächsten. Aber sie hob die Arme früher, mitten im Licht, wo jeder es sehen konnte. Es kam niemand. Das machte inzwischen weniger aus.

Als ich sie gezeichnet habe, wollte ich zuerst die Hand weglassen. Zwei leere Arme im Nichts, das wäre ehrlicher gewesen, dachte ich. Dann habe ich sie doch hingesetzt, ganz an den Rand, halb aus dem Bild heraus.

Denn genau so ist es ja: Die Hand ist immer da. Sie ist nur fast nie in der Mitte.